Arbeitszeugnis in Deutschland: Wie man eine Beurteilung des Arbeitgebers liest

Arbeitszeugnis in Deutschland: Wie man eine Beurteilung des Arbeitgebers liest

Das Arbeitszeugnis ist eine deutsche Arbeitsbescheinigung. Für einen Bewerber in Deutschland ist es oft fast genauso wichtig wie der Lebenslauf: Ein neuer Arbeitgeber achtet nicht nur auf die Position und die Aufgaben, sondern auch darauf, wie der ehemalige Arbeitgeber die Leistung, das Verhalten und den Grund für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses beschrieben hat.

Im Gegensatz zu den formellen Empfehlungen, an die viele Menschen aus postsowjetischen Ländern gewöhnt sind, wird das deutsche Zeugnis nach festen Regeln verfasst. Es muss wahrheitsgemäß und klar sein und darf dabei die weitere Karriere des Mitarbeiters nicht grundlos behindern. Daher werden negative Bewertungen selten direkt ausgesprochen: Sie sind meist in der Wortwahl, der Anordnung der Absätze, dem Ausmaß des Lobes und dem, was im Text fehlt, versteckt.

Was ist ein Arbeitszeugnis?

Das Arbeitszeugnis ist ein schriftliches Dokument über das Arbeitsverhältnis. Gemäß § 109 der Gewerbeordnung hat der Arbeitnehmer bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses Anspruch auf eine schriftliche Beurteilung. Eine elektronische Form reicht nicht aus: Das Dokument wird in der Regel in Papierform ausgestellt, datiert und unterschrieben.

In der Beurteilung können folgende Aspekte zum Ausdruck kommen:

  • Beschäftigungsdauer im Unternehmen;
  • Position und Hauptaufgaben;
  • Fachkenntnisse und Arbeitsqualität;
  • Eigenständigkeit, Zuverlässigkeit, Arbeitsbelastung und Arbeitsstil;
  • Verhalten gegenüber der Geschäftsleitung, Kollegen, Kunden und Partnern;
  • eine abschließende Formulierung mit Dank, Bedauern über das Ausscheiden und guten Wünschen.

Für den Bewerber ist ein qualifiziertes Arbeitszeugnis besonders wichtig: Es belegt nicht nur die Tatsache der Beschäftigung, sondern enthält auch eine Bewertung von Leistung und Verhalten.

Arten von Arbeitszeugnissen

In Deutschland unterscheidet man üblicherweise zwischen zwei Arten von Zeugnissen.

Art Inhalt Wann geeignet
Einfaches Arbeitszeugnis Nur Art und Dauer der Tätigkeit, ohne Bewertung der Qualität und des Verhaltens Kurze Beschäftigungsdauer, einfache Feststellung der Tatsache der Beschäftigung, Situationen, in denen keine Bewertung erforderlich ist
Qualifiziertes Arbeitszeugnis Beschreibung der Aufgaben, Bewertung der Ergebnisse, der beruflichen Qualitäten und des Verhaltens Die meisten qualifizierten Stellen, Suche nach einer neuen Stelle, Bestätigung der Berufserfahrung

Wenn ein Arbeitnehmer möchte, dass das Dokument bei der weiteren Stellensuche hilft, wird in der Regel ausdrücklich ein „qualifiziertes Arbeitszeugnis“ angefordert. Ein einfaches Arbeitszeugnis mag neutral wirken, wirft aber manchmal die Frage auf: Warum fehlt eine Bewertung der Arbeit?

Warum deutsche Zeugnisse „positiv“ verfasst werden

Ein Arbeitszeugnis muss zugleich wahrheitsgemäß und wohlwollend sein. Der Arbeitgeber ist nicht verpflichtet, Lob zu erfinden, darf den Text aber auch nicht unnötigerweise so formulieren, dass er die Chancen der betreffenden Person auf eine neue Stelle zunichte macht.

Aus diesem Grund hat sich eine spezielle Sprache des Zeugnisses entwickelt. In ihr wird das direkte „hat schlecht gearbeitet“ durch mildere, für Personalfachleute jedoch verständliche Signale ersetzt:

  • ein geringerer Grad an Lob;
  • das Fehlen von Wörtern wie „stets“, „immer“, „jederzeit“;
  • eine zu kurze Beschreibung der Aufgaben;
  • Betonung selbstverständlicher Eigenschaften anstelle von Schlüsselkompetenzen;
  • eine knappe oder unvollständige Schlussfolgerung;
  • Unglückliche Reihenfolge bei der Bewertung des Verhaltens und der beruflichen Qualitäten.

Wichtig: Nicht jede ungewöhnliche Formulierung bedeutet eine versteckte Anschuldigung. Mythen über „geheime Zeichen“ in Form von Anführungszeichen, Klammern, Fehlern, besonderen Markierungen am Rand oder Formulierungen wie „fröhlicher Mitarbeiter = hat bei der Arbeit getrunken“ sollten nicht als zuverlässige Analysemethode angesehen werden. Viel wichtiger sind die allgemeine Struktur, die Vollständigkeit der Bewertung und wiederkehrende Formulierungen.

Wie sieht ein gutes qualifiziertes Arbeitszeugnis aus?

Eine aussagekräftige Charakterisierung wirkt in der Regel logisch und umfassend. Sie enthält:

  1. Die Überschrift, zum Beispiel „Arbeitszeugnis“ oder „Qualifiziertes Arbeitszeugnis“.
  2. Einleitung mit Angaben zum Mitarbeiter, zum Beschäftigungszeitraum und zur Position.
  3. Eine Beschreibung des Unternehmens, sofern dies zum Verständnis des Arbeitskontexts beiträgt.
  4. Auflistung der Aufgaben und Zuständigkeitsbereiche.
  5. Bewertung der Fachkenntnisse, der Ergebnisse und des Arbeitsstils.
  6. Bewertung des Verhaltens gegenüber der Geschäftsleitung, Kollegen, Kunden und Partnern.
  7. Schlussformel mit Dank, Bedauern über den Weggang und guten Wünschen.
  8. Datum, Unterschrift der verantwortlichen Person und korrekte Gestaltung auf dem Firmenbriefpapier.

Sind Abschnitte unvollständig, werden wichtige Aufgaben nicht erwähnt oder wirkt der Text für die Position zu trocken, ist dies ein Grund, das Dokument noch einmal sorgfältig durchzulesen.

Wie man Bewertungsformulierungen interpretiert

Ein klassischer Anhaltspunkt ist die Formulierung „Zufriedenheit“. Sie zeigt, inwieweit der Arbeitgeber mit der Arbeit des Mitarbeiters zufrieden war.

Deutsche Formulierung Ungefähre Bedeutung
stets zu unserer vollsten Zufriedenheit sehr hohe Bewertung
stets zu unserer vollen Zufriedenheit gute Bewertung
zu unserer vollen Zufriedenheit eher zufriedenstellend, ohne Betonung der Beständigkeit
zu unserer Zufriedenheit schwache Bewertung
im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit ein deutlich negatives Signal

Das Wort „stets“ oder „immer“ verstärkt oft die Bewertung: Es zeigt, dass die Leistung konstant war. Die Wörter „voll“, „vollsten“, „ausgezeichnet“, „hervorragend“ und „außerordentlich“ sind ebenfalls wichtig, müssen jedoch im Kontext der gesamten Beurteilung gelesen werden.

Beispiel für eine starke Formulierung:

Er erledigte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit.

Eine abgeschwächte Variante:

Er erledigte die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit.

Beide Formulierungen klingen höflich, stellen für die deutsche Personalabteilung jedoch unterschiedliche Bewertungsstufen dar.

Beispielhafte Bewertungsskala im Arbeitszeugnis

Deutsche Zeugnisse werden oft in die Schulskala von 1 bis 6 umgerechnet, wobei 1 die beste Note und 6 die schlechteste ist. Dies ist keine offizielle Tabelle für jeden Einzelfall, aber als praktischer Anhaltspunkt ist sie nützlich.

1 – sehr gut

Häufig finden sich Formulierungen wie „stets“, „immer“, „vollsten“, „jederzeit“, „hervorragend“ und „außerordentlich“. Der Text zeigt, dass der Mitarbeiter die Erwartungen durchweg übertroffen hat.

2 – gut

Der Arbeitgeber ist offensichtlich mit der Arbeit zufrieden, zeigt jedoch keine überschwängliche Begeisterung. Häufig werden Ausdrücke wie „stets“, „volle Zufriedenheit“, „gute Leistungen“ und „hohe Zuverlässigkeit“ verwendet.

3 – befriedigend

Die Bewertung ist positiv, aber durchschnittlich. Der Text enthält weniger verstärkende Formulierungen, und es fehlt möglicherweise an Beständigkeit. Die Formulierungen wirken korrekt, heben den Mitarbeiter jedoch nicht besonders hervor.

4 – ausreichend

Das Lob wird allgemein und nüchtern gehalten. Wichtige Eigenschaften werden möglicherweise ohne Details beschrieben, und Formulierungen wie „entsprach unseren Erwartungen“ klingen oft schwächer, als es auf den ersten Blick scheint.

5–6 – mangelhaft oder ungenügend

Offene Kritik gibt es in der Regel nicht, stattdessen tauchen Formulierungen wie „im Großen und Ganzen“, „bemühte“, „zeigte Interesse“ oder „war bestrebt“ auf. Solche Formulierungen können bedeuten, dass der Arbeitgeber erhebliche Probleme mit der Leistung oder dem Verhalten festgestellt hat.

Verhalten: Reihenfolge und Adressaten spielen eine Rolle

Im Abschnitt „Verhalten“ ist es wichtig, mit wem genau der Mitarbeiter zusammengearbeitet hat und in welcher Reihenfolge die Adressaten aufgeführt sind. Für viele Positionen umfasst die übliche Formel Vorgesetzte, Kollegen und Kunden:

Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden war stets einwandfrei.

Wenn Kunden oder Vorgesetzte nicht erwähnt werden, obwohl sie für die Arbeit wichtig waren, kann dies eine bewusste Auslassung sein. Ist die Reihenfolge ungewöhnlich, beispielsweise zunächst die Kollegen und die Vorgesetzten erst am Ende, kann die Personalabteilung darin einen Hinweis auf Probleme mit dem Vorgesetzten sehen. Solche Schlussfolgerungen müssen jedoch immer im Kontext geprüft werden und dürfen nicht allein anhand eines einzigen Satzes gezogen werden.

Fazit: Warum der letzte Absatz so wichtig ist

Am Ende eines Arbeitszeugnisses werden in der Regel drei Dinge erwähnt:

  • Dank für die geleistete Arbeit;
  • Bedauern über das Ausscheiden;
  • die Wünsche für Erfolg im beruflichen und privaten Leben.

Ein aussagekräftiger Schlussabsatz könnte etwa so lauten:

Wir danken ihm für die stets sehr gute Zusammenarbeit, bedauern sein Ausscheiden sehr und wünschen ihm beruflich wie privat weiterhin viel Erfolg und alles Gute.

Wenn der Arbeitgeber sich nur knapp bedankt, kein Bedauern äußert oder gar keine Erfolge wünscht, kann dies die Gesamtwirkung selbst bei einer normalen Grundbewertung schmälern.

Worauf man noch achten sollte

Überprüfen Sie nicht nur einzelne Formulierungen, sondern das gesamte Dokument.

  • Umfang der Aufgaben. Bei einer qualifizierten Position sollte die Auflistung der Aufgaben das tatsächliche Maß an Verantwortung widerspiegeln.
  • Ausgewogenheit der Bewertung. Werden ausschließlich persönliche Eigenschaften beschrieben, während berufliche Leistungen fast gänzlich fehlen, wirkt dies weniger überzeugend.
  • Form. Fehler, ein unsauber ausgefülltes Formular, eine seltsame Unterschrift oder Korrekturen können den Eindruck trüben.
  • Datum. In der Regel liegt das Datum nahe am Ende des Arbeitsverhältnisses. Ein zu spätes Datum kann Fragen aufwerfen.
  • Auslassungen. In einem Zeugnis ist oft nicht nur wichtig, was geschrieben steht, sondern auch das, was eigentlich geschrieben werden sollte, aber weggelassen wurde.

Auszug aus einem deutschen Arbeitszeugnis: Die Bedeutung hängt nicht nur von einzelnen Wörtern ab, sondern auch von der Gesamtstruktur des Dokuments.

Sind Arbeitszeugnisse aus dem Ausland erforderlich?

Zeugnisse von früheren Arbeitsstellen im Ausland können als ergänzendes Material nützlich sein, insbesondere wenn sie langjährige Erfahrung oder eine Führungsrolle bestätigen. Ein deutscher Arbeitgeber kann diese jedoch nicht immer genauso interpretieren wie ein deutsches Arbeitszeugnis.

Ein praktischer Tipp für Einwanderer:

  • Bewahren Sie die Originale der Zeugnisse auf;
  • eine Übersetzung erstellen, wenn das Dokument wichtig ist;
  • Fügen Sie die Kontaktdaten des ehemaligen Vorgesetzten hinzu, sofern dieser bereit ist, die Berufserfahrung zu bestätigen;
  • Ein ausländisches Zeugnis nicht als deutsches Arbeitszeugnis ausgeben.

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind vor allem ein verständlicher Lebenslauf, einschlägige Berufserfahrung, ein Portfolio oder Empfehlungen von Personen, denen der neue Arbeitgeber vertraut, ausschlaggebend.

Was tun, wenn das Zeugnis schlecht ausfällt?

Wenn der Text schwach wirkt, sollte man ihn nicht sofort aus den Bewerbungsunterlagen entfernen. Das Fehlen eines Zeugnisses nach einer nennenswerten Beschäftigungsdauer kann ebenfalls Fragen aufwerfen. Es ist besser, schrittweise vorzugehen.

  1. Vergleichen Sie die Formulierungen mit typischen Bewertungen und lesen Sie das Dokument noch einmal vollständig durch.
  2. Markieren Sie konkrete Stellen, mit denen Sie nicht einverstanden sind: die Bewertung der Ergebnisse, die Reihenfolge der Adressaten, fehlende Aufgaben, die Schlussfolgerung.
  3. Schreiben Sie Ihrem ehemaligen Arbeitgeber einen sachlichen Brief mit der Bitte, das Dokument zu korrigieren, und schlagen Sie Formulierungen vor.
  4. Legen Sie eine angemessene Antwortfrist fest.
  5. Wenn der Arbeitgeber sich weigert oder nicht reagiert, wenden Sie sich an einen Arbeitsrechtsberater.

Ein Streit um das Zeugnis kann bis vor das Arbeitsgericht gehen. In solchen Streitfällen sind Beweise entscheidend: Arbeitsvertrag, Aufgabenbeschreibungen, Bewertungen, Kundenbriefe, Kennzahlen, das Fehlen von Beanstandungen sowie Aussagen von Kollegen. Je höher die vom Arbeitnehmer geforderte Bewertung ausfällt, desto wichtiger ist es, nachzuweisen, warum sie der Realität entspricht.

Wer was bei einem Streit beweisen muss

Bei arbeitsrechtlichen Streitigkeiten rund um das Zeugnis orientiert man sich häufig an der „durchschnittlichen“ Bewertung. Wenn ein Arbeitnehmer eine überdurchschnittliche Bewertung fordert, muss er in der Regel begründen, warum seine Arbeit besser war. Wenn ein Arbeitgeber eine eindeutig schlechte Bewertung vergeben möchte, muss er sachliche Gründe für die Kritik vorweisen können.

Das bedeutet nicht, dass jeder Streitfall gleich gelöst wird. Vieles hängt vom Text, der Position, den Beweisen, den Fristen und davon ab, was genau der Mitarbeiter geändert haben möchte.

Wie viel kann ein Rechtsstreit kosten?

Die Kosten hängen vom Streitgegenstand, dem Gehalt, dem Anwalt und dem Vorhandensein einer Rechtsschutzversicherung ab. In erster Instanz vor dem Arbeitsgericht trägt jede Partei in der Regel die Kosten für ihren eigenen Anwalt selbst, unabhängig vom Ausgang des Verfahrens. Daher sollte man vor der Klage prüfen:

  • Deckt die Rechtsschutzversicherung Arbeitsrechtsstreitigkeiten ab?
  • Gibt es im Arbeitsvertrag oder im Tarifvertrag eine Frist für die Geltendmachung von Ansprüchen?
  • Kann die Angelegenheit schriftlich ohne Gerichtsverfahren geklärt werden?
  • Wie wichtig ist das Zeugnis für die weitere Stellensuche?

Darf man ein Arbeitszeugnis selbst korrigieren?

Nein. Es ist nicht gestattet, den Text, die Unterschrift, das Datum oder das Formular eigenmächtig zu ändern. Die Fälschung eines Dokuments kann strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, und ein neuer Arbeitgeber kann die Angaben beim früheren Arbeitgeber überprüfen.

Wenn das Zeugnis nicht zufriedenstellend ist, ist es am sichersten, den Arbeitgeber um eine Korrektur zu bitten, den Schriftverkehr zu dokumentieren und gegebenenfalls rechtlichen Rat einzuholen.

Kurze Checkliste vor dem Versand der Bewerbungsunterlagen

– Verfügen Sie über ein Arbeitszeugnis für jede wichtige Anstellung in Deutschland?

  • Geht aus dem Dokument klar hervor, womit Sie sich beschäftigt haben und wofür Sie verantwortlich waren? – Enthält ein qualifiziertes Arbeitszeugnis eine Bewertung der Leistungen und des Verhaltens?
  • Wirkt die Schlussfolgerung nicht etwas zu trocken? – Gibt es keine Fehler, keine seltsame Gestaltung oder unvollständige Abschnitte?
  • Sind Sie bereit, das Fehlen eines Zeugnisses zu erklären, wenn Sie es Ihrer Bewerbung nicht beifügen?

Ein Arbeitszeugnis sollte nicht als Urteil aufgefasst werden, darf aber auch nicht ignoriert werden. Für einen deutschen Arbeitgeber ist es eine gewohnte Quelle für Hinweise auf Berufserfahrung, Zuverlässigkeit und Arbeitsweise.